Diszipliniert und pünktlich, wie es sich fürs Militär gehört, startete der Vortrag des Jugendoffiziers der Bundeswehr am 19.01.2022 um 11:40 Uhr. Nach einer kurzen Vorstellung und Einleitung in den eigentlichen Vortrag ging es für die Schüler*innen der Politik-Prüfungskurse zunächst digital los. Per Online-Umfrage konnten die Schüler*innen Fragen zur deutschen Sicherheits- und Außenpolitik, zur deutschen Bundeswehr allgemein oder auch zum Werdegang eines Soldaten und den moralischen Konflikten, denen sich dieser im beruflichen Alltag gegenübergestellt sieht, stellen. Kritisches Nachfragen war dabei nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich gewünscht. So blieb neben trockenen Fakten zur aktuellen Lage an der ostukrainischen Grenze oder Erläuterungen zur Chronologie des Afghanistan-Einsatzes immer wieder Raum für Diskussionen und die Aussprache von Meinungsverschiedenheiten.
Hauptmann Jan-Hendrik Wernsing selbst agierte dabei nicht unbedingt als Verteidiger der deutschen Politik bzw. der Bundeswehr, sondern warf auch selbst einen kritischen Blick auf seinen Arbeitgeber, was der Erläuterung verschiedener Sachverhalte deutlich zugute kam. So gab Wernsing, als dieser nach seiner Meinung zur Afghanistan-Bilanz gefragt wurde, schließlich zu, dass der kürzlich beendete Einsatz trotz des militärischen Erfolgs eine menschliche Niederlage gewesen sei. Klare Worte fand der 29-jährige Jugendoffizier dabei auch für die Rechtsextremen-Netzwerke, die in den letzten Monaten innerhalb der Bundeswehr aufgedeckt worden waren. Diesen sei lückenlos nachzugehen, man müsse aber auch sehen, dass die Bundeswehr mit all ihrem militärischen Großgerät ein klassischer „Männerspielplatz“ sei, der z.B. durch die steilen Hierarchien und den Umgang mit Waffen viele Rechtsextremisten angelockt habe.
Die kritische Ausrüstungslage der Bundeswehr, die auch in den Medien immer wieder für viel Kritik sorgt, nahm Wernsing mittlerweile halb mit Verzweiflung, halb mit Humor auf. So erzählte dieser, grinsend auf seine Uniform deutend, dass er trotz mehrmaliger Anfragen seit mittlerweile 11 Jahren auf eine passende Winterjacke zu seiner Dienstuniform warte. Zu guter Letzt wurde der anderthalbstündige Besuch mit einer allgemeinen Fragerunde abgerundet, die die Schüler*innen für weitere persönliche Fragen, Bemerkungen oder Nachfragen nutzen konnten.
Text: Adrian Bagnecki