Den Auftakt zur Abiturentlassfeier machte die Lehrerband mit Robbie Williams „Let Me Entertain You“ – ein kräftiger Einstieg. Es folgte die Rede der Direktorin. Nach Begrüßung aller Anwesenden und Dank für die geleistete Arbeit widmete sich Schulleiterin Johanna Schute zunächst dem Motto der Abiturientia: „Abibi und Tina“. Sie habe sich gefragt, ob hinter dem Bezug zur Kinderserie der Wunsch nach einer heilen, begrenzten Welt auf dem Reiterhof stecke, wo kleine Konflikte am Ende immer zum Positiven gewendet würden. Sie könne verstehen, dass das ländliche Leben, die Freiheit beim Ausritt in die Natur und der Wert der Freundschaft einen Kontrapunkt setzten zu den Erfahrungen der letzten Jahre, als die Schülerinnen und Schüler hätten feststellen müssen, dass das Leben eben kein Ponyhof sei. Die Coronapandemie habe ihnen viel Freiheit und Entfaltungsspielraum genommen, aber sie hätten sich gut davon erholt.
Martinshof und Garten Eden
Schute hob die umfassende Allgemeinbildung hervor, die die Abiturienten erfahren hätten, wozu auch gemeinschaftliche Erfahrungen im europäischen Ausland gehörten. Sie seien offen und tolerant und gewappnet gegen Tendenzen der Abschottung, des Fremdenhasses und der Geringschätzung Andersdenkender, wie sie zunehmend im politischen Diskurs zu erleben seien. Möglicherweise seien es die latent aggressive Debattenkultur oder die Realität des Krieges in der Ukraine, die Ängste schürten und die Abiturienten veranlasst hätten, sich gedanklich auf den Martinshof der fiktiven Kinderserie zu begeben.
Doch es gebe auch reale Strömungen, die sich gegen die Verrohung der Gesellschaft wendeten und ein positives Zeichen setzten, so Schute. Die Oberstudiendirektorin empfahl, über die Eden-Culture-Bewegung des Theologen und Publizisten Johannes Hartl nachzudenken, der eine „Ökologie des Herzens für ein neues Morgen“ propagiere und Umweltschutz ganzheitlich definiere.
Dann wandte sich Schute dem zweiten Teil des Mottos der Abiturientia zu: „Ein guter Schüler springt nicht höher als er muss.“ Viele Schülerinnen und Schüler hätten sich offenbar nicht davon leiten lassen, denn die 48 Absolventen hätten einen respektablen Gesamtnotendurchschnitt von 2,45 erreicht, davon 12 unter 2,0. Und grundsätzlich halte die Schulleiterin nichts davon, sich nur am Mittelmaß zu orientieren, weil es die Gesellschaft nicht voranbringe. Mit einem Zitat von Carl Friedrich Gauß betonte Schute, dass nicht das Wissen, sondern das Lernen, nicht das Besitzen, sondern das Erwerben, nicht das Dasein, sondern das Hinkommen den größten Genuss gewähre.
Hufeisen und Hosen
Schließlich griff die Direktorin das visuelle Emblem des Abiturmottos auf, das Hufeisen als Glücksbringer. Mit der Hochschulreife seien viele Aufstiegsversprechen und Zukunftshoffnungen verbunden, alle Wege stünden offen. Sie wünschte den Abiturientinnen und Abiturienten alles Gute und eine glückliche Zukunft – verbunden mit dem Appell, kritisch und sensibel zu bleiben für die Bedürfnisse der Welt – und sich zu engagieren.
Die Bedeutung des Feier-Tages ließ die Lehrerband gewissermaßen erkennen, als sie „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen spielte; das Publikum war zum Mitsingen aufgerufen und folgte.
Danach sprach die stellvertretende Landrätin Charlotte Ruschulte. Sie bezog sich ebenfalls auf das Motto „Abibi und Tina“ und erklärte, die bekannte Kinderserie mit den besten Freundinnen Bibi Blocksberg und Tina Martin habe uns wichtige Lektionen gelehrt über Freundschaft, Mut und den Glauben an uns selbst. Das seien Eigenschaften, die Abiturienten auch durch die Schulzeit begleitet und zum großen Erfolg geführt hätten. Besonders lobte Ruschulte die ehrenamtliche Tätigkeit der Schüler, wofür sie Dank aussprach. Auch der Lehrerschaft und den Eltern dankte sie, zudem der scheidenden Schulleiterin, zu der sie die scherzhafte Überlegung anschloss, ob der Landrat nicht berechtigt sei, die Direktorin nachsitzen zu lassen, um sie an ihrer bisherigen Wirkungsstätte zu belassen – falls sich nicht noch ein Hexenspruch à la Bibi Blocksberg fände. Den Abiturienten gab sie mit, trotz aller Unwägbarkeiten und Krisen den optimistischen Blick auf die Zukunft zu bewahren und die Grafschafter Wurzeln nicht zu vergessen.
Abschiedsmelancholie und „Angepisstsein“
Anschließend gab es akustische Abschiedsmelancholie: Karla Groothus sang das Lied „Geile Zeit“ von Juli, Bodo Wolff begleitete sie mit der Gitarre.
Danach sprach Florian Schütte für die Lehrerschaft. Ganz auf der Höhe der Zeit und mancher Schüler, wie es scheint, habe er künstliche Intelligenz bemüht, um zu eruieren, was eine gute Abiturrede ausmache. Zunächst gelte es ein passendes Zitat zu finden, so der KI-Vorschlag. Im Fundus seines Musikgeschmacks habe sich dazu aber nichts gefunden; und bei den Schülern hätte die Spotify-Playlist den „Partyhitmix“ I bis III von Pur ergeben – kein leichtes Unterfangen also.
Der zweite Tipp von ChatGPT – persönliche Anekdoten und Wertschätzung – war leichter umsetzbar. Zunächst die persönliche Anekdote: Schütte erwähnte sein eigenes Examen zum relativen Anfang seines „BGB-Lebens“ in der damaligen Klasse 7a, die auch mit der Abiturfeier geehrt wurde. Damals habe ihn der Schüler Tom Brinkmann gefragt, warum Schütte das Examen in der 7a mache: „Wollen Sie es extra schwer haben?“. Und zu anekdotischer Evidenz meinte Schütte: Der häufige Vorwurf Älterer, die Jugend habe heutzutage vor allem die „Work-Life-Balance“ im Sinne, sei schon sehr alt. Auch bei Sokrates im antiken Griechenland habe man schon Ähnliches zu hören bekommen.
Den dritten KI-Hinweis, „Motivation für die Zukunft“, nutzte der Politiklehrer mit dem Aufruf „Seid angepisst, aber konstruktiv!“. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich ihren Grund der Empörung suchen und sich engagieren: „Kämpft gegen den Klimawandel, gegen die Destabilisierung der Demokratie durch Despoten oder kämpft für etwas: für soziale Gerechtigkeit, für gesellschaftliche Toleranz und Teilhabe“. Zu den beiden letzten KI-Tipps – „Abschied nehmen“ und „motivierende Botschaft“ führte Schütte aus: Zwar müssten die Abiturientinnen und Abiturienten nun vielfach Abschied nehmen und hätten möglicherweise Angst in einer Welt multipolarer Krisen. Doch sie seien dank Adoleszenz in Corona-Zeiten schon so stark gereift, dass Zukunftsängste unnötig seien. Mit einem Augenzwinkern zitierte Schütte zum Schluss aus Disneys „Bambi“: „Wenn du Angst hast, sei einfach furchterregender als das, was dir Angst macht!“
Spinner und Selbstkritik
Wiederum war es Zeit für Musik: Karla Groothus sang das Aufbruchlied „Spinner“ von Revolverheld, Bodo Wolff war mit der Gitarre dabei.
Für die Abiturientia sprachen Anneke Stemberg und Tom Brinkmann. Sie blickten zurück auf „durchschnittlich 13 Jahre“ Schulzeit, genauer: auf die letzten neun Jahre am BGB und die erstaunlichen Freundschaften, die sich in dieser Zeit entwickelt hätten, insbesondere in der Kursphase der Oberstufe. Prägend scheinen zudem die Kursfahrten nach Amsterdam und Italien gewesen zu sein. Ihr Motto „Abibi und Tina: Ein guter Schüler springt nicht höher als er muss“ betrachteten die beiden als den „kontroversen Teil“ ihrer Rede. Zwar sei „eine gewisse Übereinstimmung“ mit dem Motto „nicht zu leugnen“, wenn man die aktuelle Jahrgangsstufe mit der des Vorjahres vergleiche. Das sei aber genug der Selbstkritik, denn jeder Einzelne könne stolz auf sich sein. Anschließend bedankten sich Stemberg und Brinkmann bei vielen Beteiligten mit Blumen. Der scheidenden Schulleiterin, die wie sie Abschied nehme, wünschten sie viel Erfolg und alles Gute. Und es wirkte fast, als hätten sich die Rollen vertauscht.
Top gestylt, extrem erfolgreich
Als Elternvertreter hielt Uwe Weinberg eine kurze Ansprache. Er lobte die Leistungen der „Abibis und Tinas“ der letzten 13 Jahre: unzählige Stunden des Lernens, des Schreibens von Hausarbeiten und Klausuren – und jede Menge unvergesslicher Partys. Sie hätten Corona samt Isolation überstanden und trotz Prüfungsstresses nie den Sinn für Humor verloren. Weinberg warnte davor, sich von der digitalen Welt blenden zu lassen. Dort wimmele es vor Leuten, die das perfekte Leben verkauften: „immer top gestylt, immer gut gelaunt – und natürlich ohne große Mühe extrem erfolgreich“. Aber zum echten Leben gehörten auch Unsicherheit und Scheitern. Trotzdem weiter an sich zu glauben, sei die größte Kunst. So sei das Manuskript von „Harry Potter und der Stein der Weisen“ mindestens zwölfmal abgelehnt worden, und doch seien bis heute 107 Millionen Exemplare verkauft worden. Amazon habe in den ersten sechs Jahren immer wieder vor der Pleite gestanden und im letzten Jahr 514 Milliarden Dollar Umsatz gemacht. Der Basketballer Michael Jordan habe 9000-mal daneben geworfen, 300 Spiele verloren, 26-mal den entscheidenden Treffer verfehlt – sei aber 1999 zum Sportler des Jahrhunderts ernannt worden. Und wenn Borussia Dortmund so weitermache, würden sie noch deutscher Meister, prophezeite Weinberg – das Publikum lachte.
Grundlage für ein glückliches Leben seien „kein Insta-Gesicht, Sixpack, Ruhm oder Reichtum“, sondern sei die Freundschaft, genau wie bei Bibi und Tina. „Verliert euch nicht aus den Augen und versucht eure Freundschaften zu pflegen“, appellierte Weinberg.
Danach überreichte Schulleiterin Johanna Schute die Abiturzeugnisse und verlieh Preise für besondere Leistungen. Karla Groothus und Bodo Wolff beschlossen die Feier mit Adeles „When We Were Young“. Insgesamt dürfte es eine der kürzesten und kurzweiligsten Entlassfeiern in der elfjährigen Dienstzeit von Schulleiterin Johanna Schute am BGB gewesen sein.
Text und Bilder: HUM
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